Baden, Segeln, Shoppen - das sind die drei wichtigsten Gründe für Touristen aus Nordamerika und Europa, nach Antigua zu reisen. 365 Sandstrände locken Pauschalurlauber, vor allem aus Großbritannien. Die "Sailing Week" ist ein Muss für Segelfreaks aus aller Welt. Wer mit einem Kreuzfahrtschiff im Hafenstädtchen St.Johns anlegt, den zieht es vornehmlich zu den Schnäppchen Elektronik, Schmuck und Spirituosen in die zollfreie Einkaufszone.
Von den Menschen, die auf der Insel Antigua wohnen, bekommen die Segler, Badegäste und Kreuzfahrer in aller Regel wenig mit.
"Antigua - ein Paradies mit Sonne und Sand", verheißen die Prospekte der Reisebüros. Ein Paradies? Für die reiche Oberschicht in der ehemaligen britischen Kolonie vielleicht. Für die Offshore-Banker, Internet-Casinobetreiber und Schiffsmakler, die Antiguas Billigflagge nutzen, mag die Karibikinsel sicher auch paradiesische Zustände bieten. Nicht aber für 80 Prozent seiner Einwohner. Die meisten von ihnen sind Nachfahren schwarzer Sklaven, die einst auf den Plantagen der Briten schuften mussten. Sie sind arm, manche so bitterarm, dass sie sich im Krankheitsfall einen Arzt nicht leisten können.

Es sei denn, sie geraten an Dr. Patrick Matthews. Dieser Arzt war für uns die Entdeckung auf Antigua. Ein Held, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn: Er behandelt die Armen kostenlos. Wer über kein eigenes Einkommen verfügt, muss bei ihm nicht zahlen. Nur die Wohlhabenden werden zur Kasse gebeten, Politiker sogar doppelt. Matthews praktiziert eine Umverteilung von oben nach unten. Er nimmt es den Reichen und gibt es den Armen.

Dr. Patrick Matthews, der Robin Hood von Antigua. Der schlanke, schwarzgelockte Mediziner hat eine Holländerin zur Mutter und einen Antiguaner zum Vater. Er spricht deutsch mit holländischem Akzent. Denn er kennt Deutschland, ist in Mönchengladbach aufgewachsen und zur Schule gegangen. Im holländischen Maastricht hat er Medizin studiert. Nach Antigua zurückgekehrt, hat Dr. Matthews zunächst in einem staatlichen Krankenhaus gearbeitet, bevor er seine Privatklinik gründete. Vier Ärzte und vier Physiotherapeuten arbeiten heute bei ihm. In einer erst halbfertigen Tagesklinik. Sie wirtschaften von der Hand in den Mund. Immer, wenn Geld da ist, wird weiter gebaut, werden neue Instrumente angeschafft.
Dieser Dr. Patrick Matthews ist Arzt, Manager und Handwerker in einer Person. Wir haben erlebt, wie er am Morgen mit einem Hubschrauber zu einem Rettungseinsatz flog, gegen Mittag operierte und am Abend die Zufahrt zu seiner Klinik betonierte. Ein 14-Stunden-Arbeitstag, dabei immer gut gelaunt, immer mit einem aufmunternden Lächeln und einem witzigen Spruch für die Patienten.

Dr. Patrick Matthews ist beliebt auf Antigua, mehr als jeder Politiker oder Cricketstar. Der Zulauf zu seiner Klinik ist groß. Nicht nur, weil sich herumgesprochen hat, dass bei ihm nur eine Rechnung erhält, der auch Steuern zahlt, arme Teufel dafür gratis behandelt werden.
Der Internist Dr. Matthews gilt auch als einer der besten Ärzte von Antigua. Ein gefragter Spezialist. Sogar von der Nachbarinsel Montserrat kommen Patienten zu ihm herübergeflogen, wenn sie ein ernsthaftes Problem haben. Viele Wohlsituierte aus Gewerbe und Politik machen sich bei größeren Wehwehchen auf den Weg in den Vorort von St.Johns, wo sich die Klinik in einer alten Lagerhalle inmitten von Viehweiden befindet.

Die meisten Reichen finden durchaus in Ordnung, dass sie für die Armen mitbezahlen müssen. Wie Ex-Manager Bernard Cools-Lartigue: "Dieser Dr. Matthews ist Spitzenklasse. Ich bin von seiner Klinik angetan. Wenn ich mit meinem Geld hier beitragen kann, armen Menschen zu helfen, dann tue ich das gern." Cools-Lartigue, der nach einer Knieoperation zur Physiotherapie in die Klinik von Dr. Matthews kommt, zahlt 30 US-Dollar für eine Behandlung. Für dieses Geld kann der Arzt zwei mittellose Menschen umsonst versorgen. Wie lange will er das noch durchhalten, diesen rastlosen Job, 14 Stunden jeden Tag, frage ich Patrick Matthews zum Abschied: "Ich bin jetzt 44 Jahre alt. Ich glaube, ich habe noch 30 gute Jahre vor mir."