Halb narkotisiert, halb bei Bewusstsein wird Kanchan Sani beim Gang in den Operationsraum gestützt. Durch eine Kanüle wird ihr Kohlendioxid in den Bauch gepumpt und durch ein Endoskop die Eileiter mit einem Gummiring verschlossen. Umgerechnet 8,60 Euro bekommt sie dafür von der Regierung. "Ich habe schon zwei Kinder und mehr möchte ich nicht" begründet sie ihre Entscheidung. Das Geld sei ihr nicht so wichtig. Kanchan Sani ist eine von vielen indischen Frauen, die sich sterilisieren lassen und dafür von der Regierung belohnt werden.
Auch die 28-jährige Anita Devi aus Jhunjhunu im Bundesstaat Rajasthan, hat sich sterilisieren lassen. Allerdings nicht gegen Geld, sondern für ein Los. Und sie zieht den Hauptgewinn: Damit ist die "Belohung" für ihre Unfruchtbarkeit ein Tata Nano, ein Kleinwagen. Das billigste Auto der Welt. Den anderen Gewinnerinnen der Sterilisationslotterie winken Mopeds, Fernseher oder Küchengeräte.
In Deutschland wären solche Szenarien undenkbar. In Indien jedoch, das seit Jahren mit Überbevölkerung zu kämpfen hat, gehören sie zum Alltag: Statt über Verhütungsmittel aufzuklären, setzen Behörden im Norden des Landes auf Belohnungen für eine freiwillige Sterilisation.

Schon heute leben mehr als 17 Prozent der Weltbevölkerung in Indien. Die Wachstumsrate des Landes liegt bei 1,3 Prozent, Chinas nur bei 0,5 Prozent. Hochrechnungen zu Folge wird Indien seinen Nachbarn 2030 als bevölkerungsreichstes Land ablösen. Die Folgen dieses extremen Wachstums sind Armut, Hunger, Analphabetentum und Arbeitslosigkeit. Seit 2004 gehört Indien zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt - und will seinen Status als Entwicklungsland endlich loswerden.
Aber ist Sterilisation wirklich das richtige Mittel, um Bevölkerungswachstum nachhaltig einzudämmen? Frauenrechtler Rajan Choudhary ist entrüstet: "Wie die Regierung das Thema Überbevölkerung angeht, ist falsch. Die könnten doch auch ein Programm auflegen zur Aufklärung und Kondombenutzung. Das wäre auch ein Weg." Die staatlichen Mediziner aber halten dagegen, viele Menschen seien zur Verhütung nicht "gebildet genug".

Dr. Anja Mathur, eine Anästhesistin, die Sterilisationen durchführt, hat immer viel zu tun, wenn sie durch die Siedlungen im Umkreis Jhunjhunus fährt. Eine sogenannte "Motivatorin" begleitet sie und überredet Frauen, die bereits zwei oder mehr Kinder haben, sich sterilisieren zu lassen. Beide sind überzeugt, dass Sterilisation für arme und undgebildete Frauen die beste Methode ist.
Nach den ersten Fahrversuchen im neuen Auto ist Anita Devi zuversichtlich, dass sie damit bald zur Arbeit fahren kann. Dass sie dafür einen Führerschein braucht, hat ihr noch niemand gesagt.