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21. November 2009
 

auslandsjournal

 
mittwochs, 22.45 Uhr
Blick auf einen Computermonitor mit Gehirn-Scans. Quelle: ap
Forscher versuchen seit langem, den Autismus zu enträtseln.

Dänemark

Qualifikation: Autismus

IT-Unternehmer setzt auf die Stärken einer Behinderung

Mette ist Autistin. Der jungen Frau fällt es schwer, Sinneseindrücke zu sortieren. Schnell ist ihr die Welt zu bunt, zu laut, zu voll. Keine guten Voraussetzungen, um sich in der harten Arbeitswelt durchzusetzen.

 
 
 
 

Der dänische IT-Unternehmer Thorkil Sonne hat sie dennoch eingestellt. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Behinderung. "Ihre Fähigkeiten sind zu wertvoll, um sie nicht zu nutzen", sagt der Gründer der Firma "Specialisterne" - zu Deutsch: "Die Spezialisten". Während Autisten oft erhebliche Defizite im Sozialverhalten aufweisen, erbringen sie in anderen Bereichen Höchstleistung. Psychologen sprechen von "Inselbegabung".

 

Mette sitzt an ihrem Schreibtisch in einem Kopenhagener Büro-Viertel. Am Computer berechnet sie, wo unter der dänischen Metropole Kabel verlaufen, damit diese bei Bauarbeiten nicht getroffen werden. Eine Arbeit, die enorme Konzentration und Präzision verlangt. Jeder Rechenfehler könnte zur Beschädigung einer Leitung führen - und für die Auftraggeber aus der Telekommunikationsbranche richtig teuer werden. Doch Mette macht keine Fehler. Jedenfalls nicht bei dieser Arbeit. "Ich kann mich gut konzentrieren, wohl besser als andere. Ich achte auf jedes Detail. Das bedeutet, meine ganze Konzentration ist die gesamte Zeit auf meine Arbeit gerichtet", erklärt Mette.

 

Nächstenliebe und schwarze Zahlen

Autisten nehmen ihre komplette Umgebung auf einmal auf - ungefiltert, mit all ihren Details. In einem Großraumbüro würde Mette verrückt werden. Sonne hat ihr und rund 40 weiteren autistischen Mitarbeitern daher schallgedämpfte Einzelbüros eingerichtet. Dabei plant der Specialisterne-Chef durchaus mit unternehmerischem Kalkül. Nach vier Jahren ist seine Firma kurz davor, schwarze Zahlen zu schreiben.

 
Autismus wird häufig mit der Delfintherapie behandelt. Quelle: reuters
reuters
Autismus wird häufig mit der Delfintherapie behandelt.

 

Der Anlass für die Unternehmensgründung war allerdings nicht Profitstreben, sondern ein ganz persönlicher: Bei seinem heute siebenjährigen Sohn wurde vor vier Jahren das so genannte Asperger-Syndrom diagnostiziert, eine milde Form des Autismus. Schon im Kindesalter stand damit fest, dass er es im Leben schwer haben würde. Gleichzeitig war Sonne von den Leistungen seines Sohnes immer wieder verblüfft. Einmal hatte dieser in einem Straßenatlas geblättert. Am Tag darauf zeichnete er aus dem Gedächtnis die Europa-Übersicht nach. Alle Länder lagen an der richtigen Stelle, sogar die Seitenverweise stimmten.

 

Wertarbeit für Weltkonzerne

Sonne wollte Menschen helfen, denen es wie seinem Sohn ergeht. Außerdem war er überzeugt, dass es Jobs gibt, deren Anforderungsprofile mit den Fähigkeiten von Autisten geradezu ideal harmonieren. Er sollte recht behalten. Selbst Microsoft vergibt heute Aufträge an die Specialisterne.

 

Für Mette war die Idee des IT-Unternehmers ein Segen. Bei der öffentlichen Verwaltung wollte man ihr keine reguläre Arbeit zutrauen. "Ohne die Specialisterne säße ich zu Hause und bekäme meine Invalidenrente", sagt die junge Frau dankbar. Unternehmer Sonne hat ihr eine Brücke gebaut - in die Welt da draußen, zu der sie so schwer Zugang findet. Statt Invalidenrente bekommt sie nun Gehalt und Selbstwertgefühl. Und schon bald könnten auch Autisten in Deutschland von Sonnes Engagement profitieren. Er ist fest entschlossen, sein Geschäftsmodell ins Ausland zu exportieren.